Es gibt Orte, an denen die Zeit nicht nur stillzustehen scheint, sondern förmlich greifbar wird. Ein solcher Ort ist die alte Papierfabrik in Blankenberg, direkt an der bayerisch-thüringischen Grenze. Am vergangenen Samstagmorgen machten wir uns als „Freitagsfotografen“ in Fahrgemeinschaften auf den Weg, um dieses Industriedenkmal fotografisch zu erkunden. Was uns erwartete, war eine Mischung aus morbider Schönheit, technischer Faszination und einer bewegten Geschichte im Schatten der ehemaligen innerdeutschen Grenze.
Ein Lost Place mit besonderer Aura
Die Papierfabrik Blankenberg ist kein gewöhnlicher „Lost Place“. Wer das Gelände betritt, spürt sofort die Schwere der Geschichte. Zu DDR-Zeiten lag das Werk im sogenannten „Todesstreifen“. Die Fabrik war Teil des streng bewachten Grenzgebiets, was den Arbeitsalltag der damaligen Belegschaft massiv prägte. Passierscheine, Grenzkontrollen und die ständige Präsenz der Wachtürme gehörten zum Schichtbetrieb dazu.
Heute ist die Fabrik ein Paradies für Fotografen. In den weitläufigen Hallen finden sich:
- Die monumentale, alte Papiermaschine, die wie ein schlafendes Ungetüm im Raum steht.
- Verlassene Laborräume, in denen noch immer Reagenzgläser und Notizen von vergangenen Experimenten künden.
- Riesige Papierrollen, die darauf warten, verarbeitet zu werden, sowie massive Mischbehälter und Schneidetische.
- Unzählige Details wie rostige Ventile, alte Schaltschränke, Leitern, Werkzeuge und Fensterfronten mit Spinnweben.
Die Herausforderung: Hohe Kontraste und das Spiel mit dem Licht
Das Wetter meinte es fast zu gut mit uns. Während draußen strahlender Sonnenschein herrschte, kämpften wir im Inneren der Fabrik mit extremen Lichtverhältnissen. Die Lichtstimmungen waren zwar optisch atemberaubend – wenn die Sonnenstrahlen durch die zerbrochenen Scheiben fielen und den Staub in der Luft tanzen ließen –, doch fotografisch gesehen war dies nicht einfach. So wurden verschiedene Techniken probiert wie:
- HDR-Aufnahmen: Mittels Belichtungsreihen versuchten wir, sowohl die Details in den dunkelsten Ecken als auch die Strukturen im hellen Gegenlicht einzufangen.
- Langzeitbelichtungen: Um das vorhandene Restlicht in den verwinkelten Kellern zu nutzen, waren Stative Pflicht.
- Lichtsetzung: Viele von uns arbeiteten mit Taschenlampen und mobilen Strahlern, um gezielte Akzente zu setzen oder Schattenbereiche sanft aufzuhellen („Light Painting“).
Es war ein ständiges Abwägen und Ausprobieren, bis das Histogramm auf dem Kameradisplay endlich zufriedenstellend aussah.
Geschichte zum Anfassen: Von der Lumpenmühle zur Industrieruine
Während unserer Erkundungstour erfuhren wir von Rainer Ambrecht der die Papierfabrik ehrenamtlich betreut viel über die historische Bedeutung des Standorts. Die Geschichte der Papierherstellung in Blankenberg reicht weit zurück. Gegründet im 19. Jahrhundert, nutzte das Werk die Wasserkraft der Saale. Nach 1945 lag die Fabrik plötzlich in der sowjetischen Besatzungszone, nur einen Steinwurf von Bayern entfernt.
In der DDR wurde das Werk verstaatlicht und produzierte unter schwierigen Bedingungen weiter. Besonders spannend waren die Erzählungen über das Leben und Arbeiten im Grenzgebiet. Die Arbeiter mussten oft unter Beobachtung produzieren, und der Abtransport der Waren war logistisch eine Herausforderung.
Auch die Kleinbahn, die einst die Fabrik mit Rohstoffen versorgte und die Fertigwaren abtransportierte, ist ein wichtiges Stück lokaler Identität. Heute gibt es engagierte Bestrebungen, Teile dieses Erbes zu erhalten. Die Zukunft der Papierfabrik ist ein Drahtseilakt zwischen Denkmalschutz, touristischer Erschließung und dem natürlichen Verfall. Es war faszinierend zu hören, wie Vereine versuchen, die Erinnerung an die Kleinbahn und die industrielle Bedeutung Blankenbergs wachzuhalten.
Die Papiermaschine ist das Herzstück der Fabrik wurde als Sensation auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 präsentiert und später für Blankenberg erworben.
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Hersteller: H. Füllner (Maschinenbauanstalt), Warmbrunn in Schlesien.
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Typ: Langsiebpapiermaschine.
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Baujahr/Erwerb: 1900 (auf der Weltausstellung gekauft), 1909 in Blankenberg installiert.
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Technische Maße:
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Langsieb: 2,25 m breit und 25 m lang (aus Phosphorbronze).
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Arbeitsbreite: Ca. 2,10 m bis 2,25 m.
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Antrieb: Ursprünglich über eine Dampfmaschine, später für eine präzisere, stufenlose Regelung auf einen Gleichstrommotor umgerüstet.
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Bestandteile: Die Maschine umfasst einen Sandfang, Knotenfang (Rundsiebzylinder), eine Siebpartie mit Registerwalzen, drei Nasspressen (inkl. Wendepresse) sowie eine Trockenpartie mit mehreren Trockengruppen und einem Glättwerk.
In der Blankenberger Fabrik wurde kein Zeitungspapier hergestellt, sondern spezialisierte Papiersorten:
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Früher: Feine Schreibpapiere und später buntbeschichtete Papiere.
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DDR-Zeit: Vor allem Pergamentrohpapier (als Betriebsteil des VEB Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal).
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Besonderheit: Die Maschine steht heute noch an ihrem Originalplatz, was sie zu einem der bedeutendsten Industriedenkmäler Thüringens macht.
Kulinarische Pause im Sonnenschein
Punkt 13 Uhr war es Zeit für eine Zäsur. Die Konzentration ließ nach, und der Hunger meldete sich. Vor der Fabrik gibt es einen gemütlichen, überdachten Sitzplatz, den wir freundlicherweise nutzen durften. Bei frisch gegrillten Würsten und knusprigen Brötchen vom lokalen Bäcker Fröb aus Rosenthal am Rennsteig genossen wir die warme Mittagssonne. Es war der perfekte Moment, um sich über die ersten gelungenen Schnappschüsse auszutauschen und kurz durchzuatmen, bevor es am Nachmittag in die zweite Runde ging.
Fazit und Ausblick
Die Stunden in Blankenberg vergingen wie im Flug. Wir haben nicht nur Speicherkarten voller Rohmaterial mit nach Hause genommen, sondern auch tiefe Eindrücke einer vergangenen Ära. Der Kontrast zwischen der harten Industrietechnik und der Ruhe, die dieser Ort heute ausstrahlt, ist einzigartig.
Wie geht es weiter? Für uns Freitagsfotografen fängt die Arbeit jetzt erst richtig an. Die RAW-Dateien müssen gesichtet und aussortiert werden. Besonders die HDR-Entwicklung und die Korrektur der extremen Kontraste werden uns einiges an Zeit am Rechner abverlangen.
Wir freuen uns schon auf unser nächstes Treffen, wenn wir die Ergebnisse präsentieren. Es wird spannend zu sehen, wie unterschiedlich die einzelnen Mitglieder die gleichen Motive interpretiert und bearbeitet haben. Eines ist sicher: Die Papierfabrik Blankenberg war eines unserer Highlights des Fotojahres 2026!
Linmk zu der Fotogalerie der Freitagsfotografen über die Papierfabrik Blankenberg
Papierfabrik Blankenberg in Thüringen
Links zur Papierfabrik in Blankenberg
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Offizielle Seite des Museums, das sich in den Räumlichkeiten der ehemaligen Fabrik befindet und die Geschichte der Papierherstellung dokumentiert.Museum für Papier- und Schreibkultur -
Hintergrundinformationen zur Architektur und der technischen Bedeutung der Anlage im historischen Kontext (Suche über die Datenbank der Seite).Industrie-Kultur: Papierfabrik Blankenberg -
Viele Portale für "Lost Places" dokumentieren den Zustand der FabrikhallenLost Places: Papierfabrik Blankenberg (Fotogalerien) -
Die erste Anlaufstelle für aktuelle Meldungen, Bürgerservice und Informationen zum Gemeinderat.Offizielle Website der Gemeinde Blankenberg -
Übergeordnete Verwaltungsseite, die Blankenberg sowie die umliegenden Gemeinden (wie Rosenthal am Rennsteig) betreut.Verwaltungsgemeinschaft Saale-Rennsteig -
Informationen für Besucher über die Lage am Saale-Orla-Bogen, Wanderwege und die Natur rund um den Ort.Blankenberg auf Thüringen Tourismus -
Zur räumlichen Orientierung und für aktuelle Rezensionen zum Museumsbereich.Google Maps Standort: Papierfabrik -
Detaillierte Kartenansicht des Ortes und der angrenzenden Saale-Landschaft.OpenStreetMap: Blankenberg


















